In den letzten drei Wochen ist das Leben weltweit zum Stillstand gekommen. Fabriktore bleiben verschlossen, in Kirchen gibt es keine Gottesdienste mehr und in Schulen keinen Unterricht. Das Wort „homeoffice“ ist in aller Munde und die Lehrer probieren sich in Zeiten der Pandemie auf einem Feld, das eigentlich nicht das ihrige ist. In Ermangelung einer echten Beziehungsebene versucht man, die Schüler mit Hilfe des Internet etwas näher an sich ranzuholen und Lerninhalte zu vermitteln.

Schließlich ist das Schuljahr noch nicht zu Ende: Prüfungen wurden erst einmal verschoben, die Wissensvermittlung steht im nicht alltäglichen Schulalltag ganz vorne auf der Agenda, einem Schulalltag, von dem niemand weiß, wie er nach den Ferien aussehen wird. Es ist eines der größten Bildungsexperimente der deutschen Geschichte, so sehen es namhafte Bildungsforscher, und es könnte nach den Ferien eine Fortsetzung finden. Am letzten Tag vor den Osterferien hatte Frau Langenfelder, unsere neue Schulleiterin, ihr Lehrerteam zu einer Videokonferenz gebeten. Nach drei Wochen Home-Schooling wollen die über 40 teilnehmenden Lehrkräfte ein erstes Resumee ihrer Arbeit ziehen, Rückmeldungen bekommen und sich austauschen über eine Form der Wissensvermittlung, die für Lehrkräfte in dieser Form neu ist. Ohne den heimischen Arbeitsplatz verlassen zu müssen ermöglicht die Kommunikationsplattform Microsoft Teams als Bestandteil von Office 365 eine technisch ausgereifte Form der Kommunikation, die sowohl im geschäftlichen als auch im privaten Bereich Anwendung findet. Chat-basiert bringt das System alle Beteiligten ähnlich wie bei der Businessplattform Slack in einem virtuellen Raum zusammen. Verantwortlich für die Organisation ist Herr Prechtl, 2. Konrektor der Schule. Gemeinsam mit IT-Lehrer und Systembetreuer Alexander Friedl zeichnet er sich zuständig für die technischen Voraussetzungen digitalen Lernens mit Moodle und Webuntis. Keine leichte Aufgabe in Zeiten verstärkten Andrangs auf die Lernplattformen.
Viel zu viele Aufgaben seien gestellt worden, zitiert die neue Rektorin am Konferenztag eine Mutter, deren Privatsphäre genau wie die der übrigen Gesprächsteilnehmer als eine zu schützende gilt und deren Identität deshalb hier unkenntlich gemacht wird. „Es wird häufig zu viel aufgegeben, das ist kaum zu schaffen“, so Frau Langenfelder, besonders wenn man sich den neuen Stoff nicht einfach durch Schulbücher anlesen könne, sondern erst selbst aufwendig recherchieren müsse um es dem Kind erklären zu können. Die Nerven hätten bei allen blank gelegen, so die Erziehungsberechtigte. „Den Kindern fehlen die Freunde und Aktivitäten, die Eltern plagen Existenzängste.“ Mit dieser Meinung steht sie nicht allein da. Mehrere Eltern berichten von einer Überforderung und Konflikten mit ihren Sprösslingen, die den ganzen Tag über in den eigenen vier Wänden verbringen. Oft schwebten Zukunftsängste der Eltern über der heiklen Familiensituation.
„Unsere Kinder kamen aus der Schule und versuchten mir zu erklären, welche Plattform und welcher Messenger zu benutzen ist“, so Carolina Grahammer. „Natürlich, ich hätte es mir denken können. Jede Schule benutzt ein anderes System“, so die Krankenschwester. „Ich bekam Schweißausbrüche, weil ich nicht für den PC gemacht bin oder er nicht für mich“, versucht sie zu Beginn der dreiwöchigen Zwangspause dem Ganzen mit Humor zu begegnen. Auf Dauer sei es zunehmend anstrengender geworden, wenn alle Kinder von morgens bis abends daheim seien. „Schwierig war es die Arbeitsblätter, Hausaufgaben und Referate termingerecht an den richtigen Lehrer zu schicken. Oft war ich mit meiner Geduld und meinen Kräften am Ende. Da ging einfach nichts mehr.“ Allein ihr Jüngster habe es geschafft, mit optimalen Plänen und Lösungen ausgestattet, die drei Wochen konsequent zu arbeiten.
„Probleme gibt es häufig dann, wenn die Lernenden angehalten werden, sich selbstständig Inhalte anzueignen, so Klaus Zierer, Professor für Schulpädagogik an der Uni Augsburg. Ein Video auf You Tube oder ein Text aus Wikipedia, damit sei das neue Wissen längst nicht zu Hause angekommen. So könne Fernunterricht nicht gelingen. „Einzig die Wiederholung und Vertiefung von bereits Gelerntem ist in diesem Modus fruchtbar“, so Pädagogikprofessor Zierer. Da jedes Fach seine Berechtigung habe, sei häufig ein Zuviel an Aufgaben zu beobachten. Außerdem sei der Gedanke, dass Lernende ebenso wie in der Schule sechs Stunden zu Hause arbeiteten, absurd. „Dafür fehlen die Peers und die schulischen Regeln und Rituale.“
Sechs Stunden verbrächten Jugendliche täglich mit digitalen Medien. Die Schulschließungen hätten zur Folge, dass die Zeit um mehrere Stunden anwachse. „Zehn Stunden und mehr täglich über mehrere Wochen am PC, das ist für Geist und Körper der Supergau“, so der Augsburger Lernforscher.
„In den Wochen, als die Schule ausgefallen ist, war ich fast immer den ganzen Vormittag mit Schulaufgaben beschäftigt“, weiß Manuel zu erzählen (13). „Es war Tag für Tag viel zu tun.“ Er freue sich jedenfalls schon wieder auf die Schule, wenn er seine Freunde wiedersehen könne. Das fehle ihm sehr, so der Siebtklässler. Jetzt hat er die Befürchtung, dass es mit dem Neustart in der Schule gleich wieder mit Schulaufgaben und Exen losgehen könne. „Dann könnte der Stress erst beginnen.“ Rektorin Langenfelder findet hierzu beschwichtigende Worte: „Wir werden uns in Ruhe auf alles vorbereiten und neu ausrichten.“

Johannes Vesper

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