Neustart der Abschlussklassen nach Corona-Pause
Jetzt geht es wieder los! Für die bayerischen Abschlussjahrgänge der Gymnasial-, Real- und Mittelschulen beginnt nach der mehrwöchigen Coronapause Anfang der Woche der Schulunterricht. Nach dem Shutdown jetzt der Showdown? Es ist alles ein großer Versuch und keiner weiß, wie er enden wird. Doch als Versuchskaninchen stehen die Zehntklässler der Knabenrealschule nur ungern zur Verfügung. Sie wollen endlich wieder loslegen.

In diesen Zeiten einen Schulbetrieb einzurichten, der sich an den aktuellen Hygienestandards orientiert, beschäftigt Bildungspolitiker und Pädagogen nach Kräften. Denn solange es keinen Impfstoff gibt, müssen andere Methoden herangezogen werden, um die Ausbreitung von Sars-CoV-2 einzudämmen: Ein ausreichender Abstand zwischen den Personen, die sich im Schulhaus begegnen, regelmäßiges Händewaschen, Einzeltische und eine frontale Sitzordnung bei einer Klassenstärke von 10 – 15 Schülern, kein Austausch von Arbeitsmitteln, das Tragen von Mund- und Nasenschutz beim Verlassen des Klassenzimmers, beim Betreten des Schulgebäudes gründlich die Händewaschen stecken den groben Rahmen pädagogischen Handelns aller sich öffnenden Schulen dieser Tage ab.
Die aufgeregten Diskussionen rund um den Schulstart scheint häufig noch von der Vorstellung geleitet, ein infektionsfreier Lernbetrieb, eine sterile Lernumgebung und keimfreie Klassenräume ließen sich mit etwas gutem Willen schon herstellen.
Laut dem bayerischen Kultusminister Michael Piazolo sei deshalb im Freistaat wie auch in den anderen Bundesländern keine schnelle Rückkehr in den gewohnten Schulalltag möglich. „Es gibt im Moment und auf absehbare Zeit keine Normalität an unseren Schulen“, steckt der Minister die Fronten klar ab. Derzeit seien im Schnitt etwa 16 Prozent der Schüler wieder in der Schule, 84 Prozent müssen daheim unterrichtet werden. Homeschooling, viele Eltern reagieren mittlerweile allergisch auf das neue Modewort aus der Digitalsprache.
Die Gesundheit hat den höchsten Stellenwert
Das Ministerium habe zwar theoretische Pläne für weitere Schulöffnungen in der Schublade. Aber einen exakten Zeitplan für die kommenden Monate zu veröffentlichen, halte er nicht für redlich, so der frühere Professor für European Studies an der Hochschule München vor dem Bildungsausschuss des Landtags.
„Die Gesundheit von Lehrern, Schülern und Eltern hat absoluten Vorrang“, setzt die Schulleiterin der Knabenrealschule, Andrea Langenfelder, für ihre Arbeit klare Prioritäten. Wenige Tage vor der Rückkehr ihrer Zehnten hat sie noch eine Videokonferenz des Kollegiums anberaumt, um letzte Details abzustimmen. Ein ortsansässiger Apotheker stellt derweil für die Jugendlichen kostenlos Schutzmasken zur Verfügung, ein Sportartikelhersteller spendet jedem Schüler ein Halstuch, das sich schnell über Mund und Nase ziehen lässt, nach Desinfektionsmittelspendern wird noch krampfhaft gesucht, der Hygieneplan nimmt knappe vier Schreibmaschinenseiten in Anspruch, er könnte die Schulordnung in diesen Zeiten vollständig ersetzen. 

Langenfelder und ihr Team scheinen gut vorbereitet. Schüler und Lehrer mit Vorerkrankungen sowie Lehrkräfte über 60 Jahren müssen trotz der schrittweisen Öffnung der Schulen zunächst nicht am Unterricht teilnehmen. „Es gibt Risikogruppen, besonders gefährdete Menschen, sowohl bei den Schülerinnen und Schülern als auch bei den Lehrkräften“, sagte die Rektorin. Dies gelte auch für schwangere Kolleginnen. Grundsätzlich seien alle Lehrkräfte wie bisher im Dienst, entweder in der Schule oder für das Lernen zu Hause, so die Schulleiterin. Ab dem 11. Mai sollen dann auch die Abschlussklassen des kommenden Jahres am Schulbetrieb teilnehmen.
Ohne Zweifel ist es eine organisatorische Herkulesaufgabe, in wenigen Tagen Stundenpläne umzuschreiben, sich auf einige Kernfächer zu beschränken, Klassenräume anders zu möblieren sowie Lerngruppen und Lehrerteams neu zu verteilen. Es gelte auch den Schülernahverkehr neu zu regeln, so Rektorin Langenfelder. Weder Pausen noch Schulwege dürfen zu Infektionsbeschleunigern werden.
Neue Beschlüsse am Donnerstag
Nicht nur die Schüler, die nach dem zehnten Schuljahr eine Berufsausbildung beginnen, sind auf reguläre und gute Schulabschlüsse bedacht, der Boom der letzten Jahre auf dem Ausbildungsstellenmarkt dürfte vorerst einmal zum Erliegen kommen.
Die wirken nach den fünf Wochen ohne Unterricht angespannt. Durch pflegeleichten Humor wird die schwer greifbare Skurrilität der Szenerie vorsichtig eingeebnet, so dass alsbald wieder gute Gespräche möglich sind. Viel wird sich in den Notenbildern der Schüler nicht mehr bewegen. Verpflichtende Leistungsnachweise wie Schulaufgaben oder Kurzarbeiten werden nicht mehr geschrieben. Mit einer Ersatzprüfung können Schüler auf freiwilliger Basis ihre Noten verbessern.

Für die allermeisten Schüler werde auch nach dem 27. April weiterhin die Beschulung zu Hause Alltag sein. Das sei keine leichte Entscheidung, die man auf politischer Ebene getroffen habe, so Langenfelder. Sie wisse nur zu gut, dass viele Eltern derzeit leiden unter der Situation und an ihre Grenzen kämen.
Nach Ansicht des Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, könnten trotz Coronavirus alle Schüler noch vor den Sommerferien wieder in die Schulen zurückkehren. Um die Schüler wieder in die Schulen zurückzubringen, würde Meidinger die Klassen teilen. Wie in einem "Schichtmodell" kämen abwechselnd für je eine Woche die eine Hälfte und dann die andere Hälfte der Schüler in die Schule und erhielten für die jeweils andere Woche Aufgaben für zu Hause, äußerte der bayerische Gymnasiallehrer am Sonntag gegenüber BR 24.

Nach Meidingers Ansicht ein praktikables Modell, das auf der einen Seite die geltenden Abstandsregelungen berücksichtigt und auf der anderen Seite verhindert, dass ganze Klassenstufen auf absehbare Zeit zu Hause bleiben müssten. Die neuen Beschlüsse der Ministerpräsidenten an diesem Donnerstag jedenfalls werden mit Spannung erwartet.

Und das große Finale am Tag der Entlassfeier, wenn die Zeugnisse überreicht werden und man Abschied nimmt: „Schwer zu sagen“, so die Rektorin, die ihre Amtseinführung schon auf Eis legen musste. Keine Maiwiesen, keine feierliche Amtseinführung und keine Entlassfeier, rund um die Knabenrealschule stehen heuer karge Zeiten ins Haus.

Johannes Vesper

 

 

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